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Das Wesen des Hundes

Liebe und Intuition, obwohl dringend vonnöten, reichen nicht aus, um das Verhalten des Hundes in gewollter Richtung zu beeinflussen. Wissen und bewusste Strategien gehören auch dazu und eröffnen neue und vielversprechende Möglichkeiten. Auch eine gewisse Härte und Selbstdisziplin gehören dazu, vor allem bei der Selektion der Zuchttiere. Die Möglichkeiten sind in der Hundezucht noch kaum zu befriedigendem Masse ausgeschöpft. Diese Beurteilung der Situation sollte nicht als Kritik verstanden werden: Sie bedeutet, dass wir noch bessere Hunde als bisher züchten und aufziehen können, und das sollte ein Ansporn für eine befriedigende Tätigkeit sein.

Folgende Faktoren haben alle einen wichtigen Einfluss auf das Wesen des Hundes, speziell des Bernhardiners:

 

Domestikation

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Die Geschichte der Domestikation des Hundes ist spekulativ. Immerhin hat man neue Erkenntnisse gewonnen von Studien von Kulturen, die Hunde noch auf eine ursprüngliche Art und Weise halten. Man nimmt heute an, dass Hunde sich schon vor längerer Zeit (vielleicht schon vor 140‘000 Jahren) vom Wolf trennten und sich freiwillig nahe der menschlichen Siedlungen aufhielten, wo sie sich von den anfallenden Abfällen ernährten. Dabei waren die zahmeren, weniger ängstlichen Hunde im Vorteil, da sie sich schneller und näher an die Menschen und Siedlungen näherten, als die scheueren. Deshalb wurden sie ganz unbewusst auf Zahmheit selektioniert.

Eine solche Selektion auf Zahmheit wurde in Russland bei Füchsen vorgenommen. Das Interessante war, dass mit zunehmender Selektion auf Zahmheit auch körperliche Zeichen der Domestikation auftraten, wie Hängeohren, Ringelschwänze und Scheckung. Darüber hinaus - und das ist sehr wichtig, wenn man das Wesen des Hundes verstehen will – blieb das Verhalten der zahmen Füchse auch beim Erwachsenen welpenhaft. Unsere Hunde, auf Zahmheit selektioniert, bleiben im Vergleich zu ihrem Verwandten, dem Wolf, immer Welpen: Sie lieben auch als Erwachsene das Spiel, den Körperkontakt, zeigen viel häufiger Unterwürfigkeitsgebärden und bellen, um nur einige Beispiele zu nennen. Zudem zeigen die meisten Rassen (ausser vielleicht die Terrier) nur rudimentäres Beutefangverhalten. Gottseidank, denn ein erwachsener Wolf ist kein guter Spielkamerad für Kinder!

Der Bernhardiner gehört zu den welpenhaftesten Hunden, wobei es eine beträchtliche Variation innerhalb der Rasse gibt. Deshalb gehört der Bernhardiner zu den menschenfreundlichsten aller Rassen. Der Menschenfreundlichkeit, dem Fehlen von Aggressivität und von Jagdverhalten, sollte deshalb bei der Zucht und Aufzucht der Bernhardiner grosse Beachtung geschenkt werden.

Übrigens hat nicht nur der Mensch auf die Domestikation des Hundes einen Einfluss gehabt, sondern ebenso der Hund auf die Entwicklung der Menschheit. Ursprünglich war der homo sapiens nämlich ein noch viel aggressiveres, intoleranteres Wesen als heute! Nun hatten Menschen einen Vorteil, die weniger aggressiv und toleranter waren gegenüber Hunden. Sie hatten die Hunde (die im Gegensatz zum Wolf auch als Erwachsene noch häufig bellen) als Frühwarnsystem, wenn Gefahr nahte. Deshalb selektionierten die Hunde die Menschen auf Toleranz und weniger Aggressivität. So entwickelten sich Hunde und Menschen, jede Art durch die andere beeinflusst und von der anderen abhängig, zusammen über eine sehr lange Zeit - eine Tatsache, die man hundefeindlichen Politikern immer wieder unter die Nase reiben sollte.

Ein wichtiger weiterer Schritt in der Integration des Hundes in die menschliche Gesellschaft erfolgte vor etwa 12‘000-14‘000 Jahren, als der Hund als geliebter Gefährte des Menschen und der Kinder akzeptiert wurde. So wurde ein Grab gefunden, in dem ein Welpe in den Armen des Verstorbenen mitbegraben wurde.

Heute ist der Hund der ideale Gefährte des Menschen, und in unserer Kultur ein Familienmitglied. Menschen haben das Bedürfnis, ihr Essen mit dem Hund zu teilen, ihn nachts auf dem Bett zu haben, mit ihm Gespräche zu führen usw. Sie decken viele ihrer sozialen und emotionalen Bedürfnisse, die in unserer Gesellschaft oft zu kurz kommen, mit ihrer Beziehung zum Hund. Hunde reagieren sehr gut auf Gestik der Menschen, und nehmen deren emotionalen Zustand zur Kenntnis und verhalten sich dementsprechend. Diese primäre Funktion des Hundes sollte bei der Hundezucht immer im Vordergrund stehen.

 

Genetik

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Genetische Einflüsse auf das Wesen des Hundes wurden schon vor längerer Zeit durch Scott und Fuller, in neuerer Zeit vor allem von Schwedischen Wissenschaftlern dokumentiert. Dabei wurde klar, dass verschiedene Verhalten von einzelnen oder vielen Genen beeinflusst sind, dass es grosse genetisch bedingte Verhaltensunterschiede gibt zwischen den Rassen, und dass es auch innerhalb von Rassen grosse individuelle genetische Unterschiede gibt.

Wir haben schon angetönt, dass gewisse Rassen wie der Bernhardiner sich im Vergleich mit dem Wolf welpenhafter benehmen als andere (z.B. Terrier) und sich deshalb vom Verhalten her besser als Familienhunde eignen als jene. Sie sind im grossen Ganzen auch untereinander verträglicher und lieben sozialen und Körperkontakt.

Die schwedischen Forscher registrierten viele verschiedene Verhaltensweisen von Hunden und merkten, dass diese in Gruppen zusammen variieren (als ganz simples Beispiel: Meidungsverhalten geht meist zusammen mit Schwanz einziehen). Sie konnten daher vier Wesenszüge definieren, nämlich Verspieltheit/Neugier, Furchtlosigkeit, Apportiertrieb (ein Element des Beutefangverhaltens) und soziale Aggressivität. Die ersten drei variieren zu geringem Grad zusammen und können daher in einer übergeordneten Wesensdimension „Mut↔Furchtsamkeit“ zusammengefasst werden. Aggressivität variiert separat von den andern Wesenszügen.

Das Wichtigste für uns ist, dass diese Wesensmerkmale zu einem beträchtlichen Grade genetisch bestimmt sind, und dass es eine grosse Variation auch innerhalb einer Rasse gibt. Deshalb lohnt sich die genetische Selektion auf Verhalten – ein Zuchtfortschritt kann bei konsequenter Selektion relativ schnell erwartet werden.

Heute besteht leider die Tendenz, fast ausschliesslich auf das Erscheinungsbild einer Rasse zu selektionieren. Dabei hat man festgestellt, dass Nachkommen von Zuchten die auf Formwert züchten zwar weniger aggressiv sind, aber mehr Angst vor Dingen, Menschen und andern Hunden zeigen, weniger verspielt sind und weniger neugierig sind. Sozialisierbarkeit und Verspieltheit sind aber Eigenschaften, die für einen Familienhund sehr wichtig sind. Auf der Wesensdimension „Mut↔Furchtsamkeit“ sind sie also weit entfernt von dem, was für einen Familienhund erwünscht ist.

Umgekehrt fand man, dass Rassen, die den Sozialkontakt lieben und verspielt sind, erfolgreiche Familienhunde abgeben. Allerdings sind das nicht die populärsten Rassen, denn auch die Auswahl einer Rasse durch einen Käufer erfolgt meist nach dem Erscheinungsbild, aufgrund von Romanen und Filmen und nicht nach dem Verhalten.

 

Einfluss des Geschlechts und der Kastration

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Der männliche Fötus produziert für ganz kurze Zeit kurz vor der Geburt Testosteron. Dieses Geschlechtshormon hat einen signifikanten Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns: es defeminisiert („entweiblicht“) das Gehirn (das sieht man z.B. daran, dass das Sexualverhalten des Rüden nicht zyklisch ist, wie das der Hündin) und maskulinisiert das Gehirn. Es prädestiniert den Rüden für männliches Verhalten wie Aggression gegen andere Rüden, Bein heben und Markieren, Streunen und männliches Sexualverhalten. Die Kastration kann das nicht vollständig rückgängig machen und hat in Einzelfällen keinen bemerkbaren Einfluss auf das Verhalten. Auch kann eine Kastration vor der Pubertät die Entwicklung dieser Verhaltensweisen nicht vollständig verhindern. Sie treten meist zu einem gewissen Grade im normalen Pubertätsalter auf.

 

Umwelteinflüsse auf die Entwicklung des Welpen

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Um die Wichtigkeit der Umwelteinflüsse auf die Verhaltensentwicklung von Welpen einschätzen zu können, muss man wissen, dass sich das Nervensystem inklusive sensorische Organe wie Auge und Ohr nur in Reaktion auf Umwelteinflüsse entwickelt. Teile des Nervensystems, die nicht stimuliert werden, entwickeln sich nicht, und können nach Abschluss der sensiblen Phasen, d.h. bei einem Hund über 4 Monaten nicht mehr entwickelt werden, auch wenn der Hund sich jetzt in einer artgerechten Umwelt befindet.

Umwelteinflüsse finden schon statt, bevor der Welpe geboren ist. Die Ernährung des Föten und die Sauerstoffzufuhr sind wichtig für dessen Entwicklung und diese sind abhängig von der Gesundheit, der Ernährung und dem psychischen Zustand der Hündin. Welpen können sogar schon in der Gebärmutter Vorlieben entwickeln für den Geschmack des Futters der Mutter.

Der neugeborene Welpe reagiert schon auf Wärme, Geruch und Berührung, und sollte deshalb schon regelmässig aufgenommen werden. Er reagiert auch positiv auf den leichten (!) dadurch ausgelösten Stress: Er entwickelt sich schneller, ist als erwachsener Hund psychisch ausgeglichener und lässt sich leichter mit Menschen sozialisieren.

Mit der Entwicklung der anderen Sinne, speziell dem Gehör und des Sehens, sollen auch diese Sinne angemessen stimuliert werden. Z.B fand man heraus, dass Hunde, die schon beim Züchter Verkehr erlebten (nicht nur das Geräusch gehört, sondern die kommenden und gehenden Autos auch sahen), später weniger wahrscheinlich Geräuschphobien entwickelten (z.B. Angst vor Donner oder vor Schüssen) als Hunde, die diese Erfahrung nicht machten. Natürlich müssen die Reize immer so dosiert werden, dass der Welpe nicht verängstigt oder gestresst wird.

Natürlich ist die Sozialisierung zu verschiedenen Kategorien von Menschen (verschiedene Rassen, Alter, Behinderungen), Hunden (verschiedene Rassen) und andern Tieren (Katzen!), speziell in der 4. bis 14. Lebenswoche, sehr wichtig. Ebenso sollte man einen Welpen desensibilisieren gegen Dinge wie Füsse berühren, ins Maul greifen etc.

Hunde, die solche Erfahrungen nicht machen, werden sensorische Defizite und/oder Verhaltensabnomalien, insbesondere Angst und Aggression, zeigen.

Traumatische Erlebnisse früh im Leben eines Hundes werden mit grösster Wahrscheinlichkeit nachhaltige, negative und irreversible Folgen haben. Diese sollen so weit wie möglich vermieden werden, ohne aber den Welpen von Erfahrungen mit der Umwelt abzuschirmen.

 

Lernprozesse und Training

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Das erste, was ein Hund immer und in jeder Situation lernt, ist die Situation mit der darin gemachten Erfahrung zu verbinden. Das ist besonders wichtig, wenn wir Bestrafung verwenden: Die ganze Situation wird widrig für den Hund. Er wird Angst und Konfliktverhalten zeigen in dieser Situation und er will sie in Zukunft wenn möglich vermeiden (z.B. den Übungsplatz!). Wenn wir mit Belohnungen arbeiten, wird auch die Situation in der wir arbeiten angenehm und der Hund wird sich darin auch in Zukunft freudig zeigen und besser lernen können. Wenn wir ein Gemisch von Bestrafung und Belohnung verwenden ist es wahrscheinlich, dass der Hund nie weiss, ob er sich in der gegebenen Situation freuen oder Angst haben soll, und dass er Konfliktverhalten zeigen wird. Tatsächlich haben Hunde in Versuchen am negativsten auf eine solche Kombination reagiert!

Der zweite Punkt ist, dass Verhalten, das später im Leben gelernt wurde, in der Regel reversibel ist (d.h. man kann dem Hund ein anderes Verhalten in der gleichen Situation lehren). Wenn hingegen ein Verhalten früh im Leben (so in den ersten 14 Wochen) erlernt wurde, ist es in der Regel irreversibel und auch sogar mit Medikamenten nur schwer beeinflussbar. Deshalb sind die ersten Lebenswochen so unglaublich wichtig. Der Erfolg von Training oder Verhaltensmodifikation ist aber immer auch vom Temperament des Hundes (insbesondere Ängstlichkeit) abhängig.

Zum Dritten müssen wir im Training konsequent sein. Das heisst, wir müssen auf das Verhalten des Hundes sofort und in berechenbarer Weise reagieren. Wenn wir das nicht machen, verliert der Hund die Kontrolle über die Umgebung und soziale Interaktionen und wird verunsichert und frustriert (genauso wie wir reagieren, wenn unser Computer nicht in berechenbarer Weise auf uns reagiert). Das ist vor allem bei sehr trainierbaren Rassen (z.B. Malinois oder Border Collie) der Fall, die dann aus Frustration gerne aggressiv werden oder Psychopathien entwickeln. Zum Glück ist der Bernhardiner da recht tolerant. Trotzdem sollten wir diesem Punkt Beachtung schenken und den Hund nicht unnötig belasten und nah an die Grenzen seiner Toleranz treiben.

 

Alter

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Mit dem Alter nehmen die sensorischen und kognitiven Fähigkeiten unserer Hunde ab. Alte Hunde hören weniger gut und ihre Sehkraft wird geschwächt. Dem muss man immer Rechnung tragen, wenn alte Hunde ihr Verhalten ändern, nicht mehr gehorchen, ängstlich, schreckhaft oder sogar aggressiv werden. Auch Schmerzen, verursacht z.B. durch Arthrosen werden das Verhalten eines Hundes ändern und kann Aggression verursachen. Medikamente (Schmerzmittel) und entsprechendes Verhalten dem Hund gegenüber können helfen.

Viele alte Hunde entwickeln auch eine Krankheit, die der Alzheimererkrankung des Menschen sehr ähnlich ist. Sie können desorientiert werden, ihre Stubenreinheit verlieren, uns nicht mehr erkennen, nicht mehr gehorchen, nachts nicht schlafen, immer unruhig oder ängstlich sein, davonlaufen usw. Ein Zusammenleben mit diesen Hunden wird schwierig und der Hund leidet sichtlich unter der Erkrankung und scheidet sich oft von der Welt und seiner Familie ab. Diese Erkrankung kann nicht geheilt werden, aber ihre Symptome können mit Medikamenten behandelt werden, so dass der Hund manchmal noch jahrelang ein normales Leben führen kann.

Wir schulden es unseren Veteranen, dass wir sie mit besonderer Rücksicht behandeln. Berechenbarkeit, Rücksicht und Routine sind für alte Hunde besonders wichtig. Sie sollen auch so weit wie möglich noch ins Tagesgeschehen integriert werden. Neuerdings werden mancherorts auch spezielle Klassen für alte Hunde offeriert, in denen deren noch vorhandenen Fähigkeiten, dem Alter und der Gesundheit des Hundes entsprechend.